Luftboot-Geschwindigkeit: Der große Test – Wie schnell sind Kajaks von Gumotex, Zelgear & Co. wirklich?

Messung der Luftboot-Geschwindigkeit mit einer GPS-Tacho-App

Eine der häufigsten Fragen beim Kajakkauf ist: „Welches Boot ist schneller?“ Ist das teure Dropstitch-Boot wirklich schneller als der Klassiker? Um das herauszufinden, messe ich bei meinen Testfahrten immer die Geschwindigkeit.

Wichtiger Hinweis: Diese Werte sind keine Laborergebnisse! Sie wurden von mir auf meiner Reviewstrecke (eine Rundtour aus Kanal und Fluss) auf dem Kanalstück (= stehendes Gewässer) bei normaler, zügiger Tourengeschwindigkeit ermittelt. Auch wenn der Kanal nicht fließt, es spielen natürlich auch weitere Faktoren eine Rolle. So versuche ich meine Tests immer an windstillen Tagen durchzuführen. Eine leichte Briese lässt sich aber natürlich nie ganz ausschließen, genauso wie schwankende Tagesform, oder das nicht 100% genau messende Handy GPS. Die ermittelten Werte sind dennoch ein hervorragender Anhaltspunkt, um die Performance der Boote objektiv miteinander zu vergleichen.

Der Mythos: Ist Dropstitch immer schneller?

Die klare Antwort: Nein!

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass jedes Dropstitch-Boot automatisch schneller ist als ein klassisches Luftboot. Das stimmt nicht. Natürlich, ein steifer Rumpf erzielt eine höhere Geschwindigkeit als ein identisches Boot, welches nicht so formstabil ist. Aber am Ende ist die Bootsform viel entscheidender als nur das Material.

  • Beispiel 1: Das Gumotex Framura (ein klassisches Boot ohne Dropstitch) ist eines der schnellsten Boote im Gumotex-Lineup.
  • Beispiel 2: Das Gumotex Thaya (ein reines Dropstitch-Boot) ist auf maximale Kippstabilität ausgelegt und fährt sich gemütlicher, nicht auf Hochgeschwindigkeit.
Schmales Heck am Gumotex Framura
Schmal und Flink
Dropstitch Sitz im Gumotex Thaya
Trotz Dropstitch langsamer

Die wichtigste Regel bleibt: Es kommt auf die Bootsform an. Länge läuft heißt es. Aber auch die Breite und weitere Merkmale der Bauform bestimmen die Geschwindigkeit. Ein langes, schmal geschnittenes Boot (wie das Zelgear Igla) ist fast immer schneller als ein kurzes, breites (wie das Gumotex Swing).
Welche Eigenschaften wie die Geschwindigkeit beeinflussen, habe ich in meinem Artikel Paddelwissen: Bootskunde beschrieben.

Luftboot-Geschwindigkeiten im Vergleich (Meine Messungen)

Hier ist die Übersicht der von mir in der Praxis gemessenen Geschwindigkeiten, sortiert von schnell zu gemütlich. Die „Reisegeschwindigkeit“ ist ein zügiges, aber komfortables Paddeltempo. Der „Sprint“ ist die kurzzeitig erreichbare Maximalgeschwindigkeit. Die Geschwindigkeiten der Boote habe ich ausschließlich in der 1er Konfiguration ermittelt.

Boot-ModellTypTourenspeedSprint
Zelgear Igla 4101-2er / Dropstitch-Boden6 – 7 km/h9 km/h
Gumotex Aurion1er / Dropstitch-Boden6 – 7 km/h9 km/h
Gumotex Framura1er / Klassisch6 – 7 km/h8 – 9 km/h
Gumotex Seashine1-3er / Dropstitch-Boden6 km/h8 – 9 km/h
Nortik Scubi 1 XL1er / Hybrid6 km/h8 km/h
Zelgear Spark 3701-2er / Dropstitch-Boden6 km/h8 km/h
Zelgear Spark 4501-3er / Dropstitch-Boden5 – 6 km/h8 km/h
Gumotex Solar1-2,5er / Klassisch5 – 6 km/h8 km/h
Gumotex Thaya1-2,5er / Dropstitch-Boden5 – 6 km/h8 km/h
Gumotex Rush 21-2er / Dropstitch-Boden5 – 6 km/h7 – 8 km/h
Gumotex Seawave1-3er / Klassisch5 – 6 km/h7 – 8 km/h
Gumotex Swing 11er / Klassisch5 – 6 km/h7 km/h
Current-Raft Cataract1er / Packraft5 km/h7 km/h
MRS Nomad S1D XL1er / Packraft5 km/h6 – 7 km/h
Anfibio Sigma TXL1-2er / Packraft5 km/h6 – 7 km/h
Anfibio Rebel 3KL+1er / Packraft5 km/h6 km/h
Anfibio Delta MX1er / Packraft3 – 4 km/h6 km/h

Kann man die Geschwindigkeit aus den Herstellerangaben berechnen?

Kurze Antwort: Ja, erstaunlich gut sogar.

Wenn man eine solche bunte Messreihe vorliegen hat, dann drängt sich diese Frage natürlich unweigerlich auf. Es wäre doch schön, wenn man einfach und verlässlich anhand verfügbarer Daten die ungefähre Geschwindigkeit eines Bootes bestimmen könnte. Ich habe meine Messdaten systematisch ausgewertet und geprüft, welche Muster sich erkennen lassen und welche Herstellerangaben die Geschwindigkeit am besten vorhersagen. Das Ergebnis hat mich selbst überrascht.

Breite schlägt Länge

„Länge läuft“ heißt es, auch ich habe diesen Satz schon oft verwendet. Er ist auch nicht falsch, aber der mit Abstand wichtigste Faktor ist gar nicht die Länge, sondern die Breite. Ein Zentimeter weniger Breite bringt ungefähr so viel wie zehn Zentimeter mehr Länge. Das klingt erstmal kontraintuitiv, ergibt aber physikalisch Sinn: bei Tourentempo bist du weit unter der theoretischen Rumpfgeschwindigkeit. Der Formwiderstand dominiert, und der kommt vor allem von der Breite.

Das erklärt auch, warum das Current-Raft Cataract – ein Wildwasser-Packraft mit nur 265 cm Länge – genauso schnell ist wie deutlich längere Touring-Packrafts: mit 82 cm ist es schlicht schmaler.

Wie gesagt, die Länge hilft natürlich auch. Aber ihr Effekt nimmt ab, je länger das Boot schon ist. Eine Änderung von 300 auf 310 cm bringt mehr Geschwindigkeitsunterschied als eine Änderung von 470 auf 480 cm.

Aber bei ganz kurzen Booten unter ca. 260 cm kehrt sich das um: hier überschätzt die reine Formel die Geschwindigkeit systematisch. Die Ursachen sind vermutlich eine Kombination mehrerer Effekte: beim Sprint kommt ein kurzer Rumpf näher an seine physikalische Grenze (Rumpfgeschwindigkeit) – da ist irgendwann schlicht Schluss, egal wie schmal das Boot ist. Beim Tourentempo spielen wohl eher praktische Faktoren eine Rolle: je kürzer das Boot, desto stärker wirkt sich jeder Paddelschlag auf die Richtung aus. Man korrigiert ständig, und ein Teil der Paddelenergie geht in Kurskorrektur statt in Vortrieb. Dazu kommt, dass ein kurzes Boot im Verhältnis zu seiner Länge mehr benetzte Fläche im Wasser hat – und mehr benetzte Fläche bedeutet mehr Reibungswiderstand pro Zentimeter Vortrieb.

Was ist mit Gewicht, Dropstitch und Konstruktion? In meinen Messdaten kein verlässlicher Einfluss auf den Tourenspeed. Natürlich spielt die Konstruktion eine Rolle – die unterschiedliche Breite auf der Wasserlinie beim Aurion zeigt das deutlich (Die breite des Aurion auf Höhe der Wasserlinie ist deutlich schmaler als die Bootsbreite, erst bei schnellerer Fahrt und entsprechend hoher Bugwelle tauchen die oberen Seitenschläuche ins Wasser und der Bootskörper wird somit breiter). Zudem stehen diese Eigenschaften auf keinem Datenblatt und lassen sich nicht in eine Formel packen. Die Formel beschränkt sich deshalb auf das, was bei jedem Boot verfügbar ist: Länge und Breite.

Die Formel: Der Flussfahrer-Speedindex

Aus meinen Messungen ergibt sich eine einfache Formel:

Formel Flussfahrer Speedindex

Bei Booten unter 257 cm Länge kommt ein Dämpfungsfaktor hinzu, weil bei sehr kurzen Rümpfen die Länge zum limitierenden Faktor wird: g(L) = (L / 257)³. Bei allen Booten ab 257 cm Länge ist dieser Faktor 1 und kann ignoriert werden. Den genauen Schwellenwert von 257 cm habe ich dabei statistisch ermittelt: bei diesem Wert ist die Übereinstimmung zwischen Formel und Messdaten am besten.

Aus dem Index lässt sich im zweiten Schritt direkt die geschätzte Geschwindigkeit ableiten:

Formel Geschwindigkeitsberechnung aus dem Flussfahrer Speedindex

Wie genau ist das?

Die Rangfolge meiner gemessenen Boote bildet die Formel mit über 90 % Rangkorrelation ab. Das bedeutet: wenn ich alle getesteten Boote nach dem berechneten Speedindex sortiere und daneben die Sortierung nach meinen GPS-Messungen lege, stimmen die beiden Reihenfolgen zu über 90 % überein. Nicht jedes Boot landet auf exakt demselben Platz, aber die schnellen Boote stehen oben, die langsamen unten, und die Reihenfolge dazwischen passt fast durchgängig.

Die typische Abweichung zwischen berechnetem und gemessenem Tourenspeed liegt bei ca. ±0,4 km/h. Da meine Tacho-App nur ganze km/h anzeigt und ich bei unterschiedlichen Bedingungen messe, liegt die Messgenauigkeit selbst in einem ähnlichen Bereich. Die Formel ist also ungefähr so genau wie meine Messung – kein Hochpräzisionswerkzeug, aber mehr als hinreichend gut. Und mehr bekommt man aus den reinen Herstellermaßen sowieso nicht raus.

Ausprobieren: Der Speedrechner

Du willst wissen, wie sich dein Boot im Speedvergleich schlägt, oder wie das Luftboot deiner Begierde performen wird? Gib einfach Länge und Breite deines Boots ein und du bekommst die geschätzte Geschwindigkeit. Der Rechner funktioniert für ausreichende Steife aufblasbare Kajaks, Packrafts und Kanadier.

Flussfahrer Speedrechner
cm
cm
Länge und Breite eingeben …

Was die Formel kann – und was nicht

Die Formel kennt nur Länge und Breite – nicht die Rumpfform, nicht die Kielgeometrie, nicht die Materialsteifigkeit. All das beeinflusst die Geschwindigkeit, lässt sich aber nicht aus einem Datenblatt ablesen. Und ganz wichtig: Auch die Luftkajaks für mehrere Personen habe ich dabei immer alleine getestet, die Geschwindigkeit bezieht sich also immer auf nur einen aktiven Paddler!

Und auch meine Messungen haben Grenzen: ich messe draußen auf echtem Wasser, an unterschiedlichen Tagen, bei nie ganz identischen Bedingungen. Meine Tacho-App zeigt nur ganze km/h an. Das sind keine Laborergebnisse – aber die Tendenzen stimmen.

Die Formel ist kalibriert an aufblasbaren Qualitätsbooten von Gumotex, Grabner, Zelgear, Anfibio, MRS, Current-Raft und Nortik. Ob sie auch für Festrumpfkajaks oder Billigboote gilt, weiß ich nicht – dafür habe ich keine Messdaten. Bei Intex und co. kommt zum Beispiel aufgrund des niedrigen Luftdrucks und der stärkeren Verformung der Boote noch eine weitere unbekannte hinzu …

Mein Fazit

Am Ende ist Geschwindigkeit nur ein Faktor. Es gibt noch jede Menge weitere Ausstattungsmerkmale, die man kennen sollte. In meinem Artikel Paddelwissen: alles über aufblasbare Kajaks findest du alle 18 Merkmale.

Aber: mit dem Speedindex und dem Rechner kannst du jetzt auch für Boote, die ich nicht selbst getestet habe, eine fundierte Einschätzung bekommen. Nicht perfekt – Rumpfform, Finne und Paddeltechnik spielen auch eine Rolle. Aber als Vergleichswert zwischen Booten ist der Index ziemlich treffsicher. Gerade wenn die Boote komplett unterschiedlich gebaut sind – das breite 5-Meter-Familienkajak gegen das schmale Packraft – zeigt er sofort, wo man speedmäßig ungefähr landet.

Geschwindigkeit ist nicht alles: Finde dein perfektes Boot

Die schnellsten Boote (Igla, Aurion) sind die schmalsten und damit auch kippeliger. Wobei es in Sachen Kippstabilität unter den schnellen Booten massive Unterschiede gibt, das Igla ist zum Beispiel deutlich stabiler als Aurion und Framura. Die Allrounder (Seawave, die beiden Spark, Seashine) bieten den besten Kompromiss aus Geschwindigkeit und Stabilität für lange Touren. Die längeren Packrafts performen gar nicht mal so schlecht, die kürzeren sind natürlich spürbar langsamer, dafür aber eben unschlagbar leicht und kompakt.

Am Ende musst du alle Kriterien – Speed, Kippstabilität, Gewicht, Gepäckstauraum und Preis – gegeneinander abwägen. Genau dafür habe ich zwei Werkzeuge für dich:

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